Was bringt ein Täterkurs?

Reportage

Johannes schreit seine Partnerin an, bis sie aus der Wohnung flieht. Sie bleiben zusammen – wenn er einen Täterkurs macht. 

Eine Werbetafel informiert über eine Beratungsstelle für Menschen, die Täter häuslicher Gewalt sind.

An den Moment, in dem Johannes‘ Bild von sich selbst als friedlichem Typen Risse bekommt, kann er sich nur noch verschwommen erinnern. Was er noch weiß: Johannes will sein wenige Monate altes Kind ins Bett bringen. Es schreit ununterbrochen. Er will es dieses Mal alleine schaffen, ohne die Hilfe seiner Partnerin. Nach einer Weile beruhigt sich das Kind – und beginnt kurz darauf wieder zu schreien. „Die Nerven lagen natürlich blank“, sagt er. Als seine Partnerin dazu kommt, eskaliert es.

„Ich weiß nicht mehr, was ich geschrien habe“, sagt er. „Da bist du im Tunnel. Das ist wie ein Nebel, da kriegst du alles andere außenrum gar nicht mit.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Johannes seine Partnerin anschreit. So schlimm war es aber noch nie. Zum ersten Mal stürmt seine Partnerin aus der Tür. Zurück bleibt Johannes, der erst jetzt realisiert, dass er während des ganzen Vorfalls seinen wenige Monate alten Sohn auf dem Arm hält.

Johannes ist damit einer von vielen Tätern häuslicher Gewalt in Deutschland. Das Bundeskriminalamt hat in seinem Bundeslagebild Häusliche Gewalt für 2024 mehr als 180.000 Fälle von Partnerschaftsgewalt gegen Frauen und 108.000 Tatverdächtige registriert. In den meisten Fällen haben Frauen ihre Partner oder Ex-Partner wegen Körperverletzung angezeigt. Die psychische Gewalt, die Johannes seiner Partnerin angetan hat, taucht in keiner Statistik auf. Sie zählt zu dem großen Dunkelfeld bei häuslicher Gewalt.

Johannes‘ Partnerin kehrt nach etwa einer halben Stunde zurück in die Wohnung. Viel länger konnte sie nicht wegbleiben, sagt sie. Ihr Kind musste gestillt werden. Doch dieser Moment, als sie aus der Wohnung geflohen ist, ändert etwas zwischen den beiden. Seine Partnerin will jetzt, dass er einen Kurs für Täter häuslicher Gewalt besucht.

In dem Moment, wo sie mir das gesagt hat, war ich geschockt!“, sagt Johannes. „Ich habe mich nicht als Gewalttäter sehen können.

Johannes heißt eigentlich anders. Für diese Geschichte habe ich mit ihm vier mehrstündige Interviews geführt. Ich wollte wissen: Was muss passieren, damit ein Täter an sich arbeiten will? Und was bringt das? Johannes‘ Erzählungen habe ich mir von Expert*innen und seiner Partnerin einordnen lassen.

Johannes ist auf den ersten Blick ein ziemlich normaler Typ, das sagt er auch selbst über sich. Er ist Mitte 30, hetero, und hat einen festen Job in einem Berliner Kulturbetrieb.

Seine Partnerin lernt er 2019 kennen, kurz vor Ausbruch der Corona Pandemie.  Er gibt sich Mühe, organisiert zum Beispiel ein Picknick für die beiden im Wald. Er versucht aufzufallen, sagt er. „So ein bisschen pfauenfedermäßig.“

Die beiden sind in ihren Dreißigern und sehnen sich nach einer verbindlichen Beziehung. Als sie kurze Zeit später zusammenziehen, wird ihm klar: Wenn er nicht nur eine feste Partnerschaft, sondern auch eine Familie mit Kind möchte, dann mit ihr. Es ist eine Gelegenheit, sich einen großen Lebenswunsch zu erfüllen.

Knapp anderthalb Jahre später wird sie schwanger - und Anfang 2023 kommt dann ihr Sohn auf die Welt.

Plötzlich geht es nicht mehr um ihn

Johannes erinnert sich, dass ihm schon kurz nach der Geburt etwas auffiel: Seine Partnerin ist sehr mit sich selbst und dem Kind beschäftigt. Auf der rationalen Ebene ist Johannes natürlich klar, dass seine Partnerin gerade ein Baby zur Welt gebracht hat und es um sie gehen sollte - aber das Gefühl, nicht gesehen zu werden, kommt einfach hoch. Er versucht, sich nichts anmerken zu lassen. 

Es bleibt auch kaum Raum, um darüber nachzudenken. Die Zeit im Wochenbett ist intensiv. Das Kind muss ständig gestillt und gewickelt werden, es schläft nie lange. Die beiden duschen tagelang nicht, machen keinen Sport, erzählt Johannes. Er und seine Partnerin seien am Anschlag gewesen.

Konflikte gab es auch schon vorher in der Beziehung. Aber jetzt, wo beide fertig mit den Nerven sind, wird der Ton rauer. Johannes fühlt sich immer weniger gesehen. Als seine Partnerin im Wochenbett liegt, habe er sich Mühe gegeben, erzählt er. Er habe ihr Essen gebracht, Getränke, sich dazugesetzt. Aber er habe das Gefühl bekommen, was er macht, ist nie genug. „Das war eine Mischung aus Frustration, Hilflosigkeit und Scham.“

„Knallharte Respektlosigkeit“

Nach dem Vorfall, bei dem seine Partnerin die Wohnung verlässt, ist Johannes klar: Gerade ist etwas kaputt gegangen. Er habe sich gefühlt wie ein „winselnder Hund“, sagt er. „Das war ja auch eine knallharte Respektlosigkeit von mir.“ Er geht davon aus, dass er damit die Beziehung zerstört hat.

Doch seine Partnerin trennt sich nicht von ihm. Doch sie spricht mit ihrer Therapeutin über den Vorfall und geht zu einer Beratungsstelle für Frauen. Dort hört sie zum ersten Mal, dass Johannes’ Verhalten unter häusliche Gewalt fällt. Sie konfrontiert Johannes nicht nur damit. Sie hat auch eine Broschüre eines Täterkurses mitgebracht.

Solche Trainingskurse sind der Versuch des Gewalthilfesystems, bei geschlechtsspezifischer Gewalt nicht nur zu intervenieren, sondern ihr vorzubeugen. Sie sind deswegen ein wichtiger Bestandteil des Gewaltschutzes für Frauen. Dazu hat sich Deutschland 2018 in der Istanbul-Konvention verpflichtet.

Die meisten Teilnehmer solcher Kurse kommen laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit (BAG), in der viele Anbieter solcher Kurse organisiert sind, freiwillig. Zum Beispiel, weil die von der Gewalt betroffene Partnerin andernfalls mit einer Trennung droht. Die Justiz verweist kaum Täter in solche Kurse.

Verglichen mit dem Ausmaß häuslicher Gewalt ist die Zahl der Teilnehmer an solchen Kursen gering. 2024 haben nach Angaben der Einrichtungen für Täterarbeit nur etwa 800 Gewalttäter einen Kurs abgeschlossen. 

Aktuelle Studie zu Täterarbeit

Eine aktuelle Studie des Instituts für Menschenrechte hat die juristischen Möglichkeiten sowie ihre Umsetzung in der Praxis der Täterarbeit ausgewertet.


Ich, ein Gewalttäter?

Johannes sieht sich nicht als Täter und will deshalb auch einen solchen Kurs nicht machen. „Ich habe mich bis dahin eher als friedvollen Menschen gesehen“, sagt er. Sich selbst mit einem Gewalttäter zu identifizieren, habe ihn abgestoßen. 

Doch das Thema kommt in Streits mit seiner Partnerin immer wieder auf. Sie verweist dann auf die Broschüre der Täterarbeitseinrichtung, die sie an den Kühlschrank gehängt hat. Ein paar Monate später willigt er schließlich ein. Einerseits, weil er selbst erschrocken über sein Verhalten ist. Andererseits, weil er signalisieren will, dass er was tut - aus Angst, seine Partnerin zu verlieren. 

An einem Abend im Oktober geht Johannes zu seiner ersten Sitzung. Das Berliner Zentrum für Gewaltprävention liegt im fünften Stock eines Altbaus an einer viel befahrenen Straße. In einem großen Raum mit hohen Decken sitzen die Teilnehmer. Als er die anderen Männer mustert, fällt ihm nur einer auf, den er so in der Gruppe erwartet hätte: Groß, stämmig gebaut, Glatze, langer Bart. „Ansonsten waren es, so wie ich, einfach ganz normale Leute, die auf der Straße untergehen“, sagt er.

Solche Kurse gibt es in ganz Deutschland, und idealerweise laufen sie so ab: Sie sollen mindestens 50 Stunden dauern, verteilt auf 25 Sitzungen. Die Sitzungen werden immer von zwei Fachkräften geleitet, meistens von einer Frau und einem Mann. Und die Einrichtungen der Täterarbeit arbeiten eng mit der Gewaltberatung für die Betroffenen zusammen. So steht es in den Standards der BAG Täterarbeit.

Pro Kurs sitzen da rund zehn Teilnehmer im Kreis, die sich mit ihrem gewalttätigen Verhalten auseinandersetzen sollen. Am Anfang ist Johannes noch skeptisch, ob er wirklich hierher gehört. Vielleicht ist er sogar etwas widerwillig. 

Die Sitzungen starten mit einer Check-in-Runde: Johannes hört hier immer und immer wieder, wie das klingt, wenn andere Männer von ihren Wutausbrüchen erzählen. Wenn sie ausrasten, die Kontrolle verlieren, ihre Kinder, Partnerinnen oder Unbekannte anschreien, demütigen, schlagen. Die Geschichten der anderen Kursteilnehmer bringen ihn zum Nachdenken, auch weil es dabei nicht um ihn geht. Es steht kein Vorwurf im Raum, gegen den er sich verteidigen muss. 

Langsam ändert sich etwas in Johannes. Die Situationen, in denen die anderen die Kontrolle verlieren, spielen sich zwar unterschiedlich ab, aber Johannes kennt die Gefühle hinter den Wutausbrüchen von sich selbst: die Gereiztheit, die Hilflosigkeit, die Frustration.  

Aufspringen, fallen lassen, auf den Boden hauen

Zum Beispiel wird ihm klar, dass auch er sich in Streitsituationen oft nicht gesehen fühlt. Und dann - statt das anzusprechen - in den Gegenangriff übergeht. Er beharre dann auf Positionen, von denen er nicht einmal überzeugt ist, sagt er. „Einfach nur, um Recht zu haben. Das ist pures Ego.“

Johannes Partnerin sagt über diese Situationen: Er diskutiert dann unerbittlich über Kleinigkeiten, wird unnachgiebig und der Ton verändert sich. Er klingt dann respektloser, trotzig, besserwisserisch. Und wenn er damit nicht weiter kommt, verliert er die Kontrolle. „Da muss ich mir körperlich Platz schaffen“, sagt er. Zum Beispiel, indem er aufspringt, sich auf den Boden fallen lässt, auf den Boden haut.

Dass das auf seine Partnerin bedrohlich wirken kann, wird Johannes erst im Verlauf des Kurses klar. Die Teilnehmer sprechen über Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen. Zum Beispiel, dass Gewalt nicht erst dort beginnt, wo sie zuschlagen. Auch Einschüchterungen, Abwertungen oder kontrollierendes Verhalten fallen darunter.

Im Verlauf der Sitzungen gehen die Kursteilnehmer immer tiefer und sprechen nicht nur über die Wutausbrüche selbst, sondern auch darüber, woher die Gewalt kommt. Johannes erinnert sich, wie er als Kind abends im Bett lag und seine Eltern durch das ganze Haus schreien hört. „Das wurde mir vorgelebt, dass man nicht über Gefühle so direkt spricht und wenn man über die Gefühle spricht oder wenn man spricht, dann ist es schnell sehr laut.“ 

Die andere Person definiert jetzt, was Gewalt ist

Johannes befürchtet, dass sein kleiner Sohn das gleiche Verhalten nun von ihm übernehmen wird. Denn auch sein Sohn erlebt mit, wie sein Vater seine Mutter anschreit. Das will Johannes verhindern. Dafür muss er sich ändern.

Im Kurs hatte Johannes einen entscheidenden Erkenntnismoment. Die Gruppenleiter stellen eine Definition von Gewalt auf, die keine Relativierung der Teilnehmer zulässt: Die andere Person definiert, ob es Gewalt ist oder nicht. „Das war der Punkt für mich, wo ich festgestellt habe: Ich habe Gewalt ausübt.“, sagt Johannes.

Erst in dem Moment ist er wirklich offen für Veränderung, sagt er. Konkret heißt das: alternative Strategien entwickeln, um in Konflikten anders zu reagieren. Der erste Schritt heißt: im Streit mit seiner Partnerin nicht die Kontrolle verlieren. 

Neu ist, dass seine Partnerin die drohende Gewalt in Streits sofort benennt, wenn sie sie wahrnimmt. „Das ist ein riesengroßer Gewinn“, sagt Johannes. Denn dann kann er umsteuern. Wenn es aber droht zu eskalieren, probiert Johannes, das Schlimmste zu verhindern.

Ich sage dann: ‚Warte mal, das kocht hier gerade hoch, ich muss hier abbrechen.‘ Und dann verlasse ich den Raum.

Das Bundesjustizministerium wollte zuletzt einführen, dass Familiengerichte gewalttätige Elternteile zu Anti-Gewalt-Trainings verpflichten können. Der Plan scheiterte jedoch, weil die Anbieter der Kurse bei den Teilnehmern eine eigenständige Bereitschaft voraussetzen. Übrig blieb von der Idee die „Gewaltpräventionsberatung“. Die dauert höchstens zwölf Stunden und soll „als Vorstufe eines mehrmonatigen Täterprogramms dienen“, heißt aus dem Ministerium.

Der Kurs ist mittlerweile abgeschlossen, aber es arbeitet immer noch in Johannes. Zu Beginn habe er erwartet, dass er nach dem Kurs „gewaltfrei“ sei, sagt er. „Das ist nicht der Fall.“ 

Er habe sich dort jedoch einen Werkzeugkasten erarbeitet. Den füllt er mit Maßnahmen, die er ergreifen kann, wenn er die Kontrolle verliert. „Den möchte ich jetzt mit mir herumtragen, um den anzuwenden“, sagt er.

Das tut er auch, bestätigt seine Partnerin: Wenn Johannes jetzt im Streit den Raum verlässt, hört sie ihn im Nebenzimmer schreien und toben. Meistens entschuldige er sich dann hinterher.

 

Falls ihr selbst von häuslicher Gewalt betroffen seid, wählt bitte die 116016. Das ist das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Für Männer gibt es die 0800 1239900. 

 

Dieser Artikel wurde vom Selbstlaut Kollektiv organisiert und redigiert – einem Zusammenschluss von Journalist*innen, die gemeinsam arbeiten, recherchieren und Aufträge annehmen. Statt Konkurrenz und Vereinzelung setzt das Kollektiv auf Solidarität, Austausch und gegenseitiges Empowerment und das ohne Hierarchien, sondern auf Augenhöhe.

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